Herpetologie im Internet

Peter Uetz

aus: Elaphe 4 (3): 60-64 (1996)

Abstract: Nachdem das Internet schon seit einiger Zeit in aller Munde ist, sollen hier einige Nutzungsmöglichkeiten für Herpetologen und Terrarianer vorgestellt werden. Beschrieben werden die Internet-Dienste e-mail, newsgroups, mailing lists und das World Wide Web (WWW). Anhand einiger Beispiele werden Online-Informationsquellen im Internet dargestellt.

 

Einleitung

Das Internet ist ein Zusammenschluss von mehreren Millionen Computern, die über die ganze Erde verteilt sind. Obwohl praktisch alle Publikationen heutzutage auf Computern erstellt werden, sind bisher nur wenige auch im Internet verfügbar. Das wird sich aber im Laufe der nächsten Jahre ändern. Nichtsdestotrotz gibt es bereits schon heute eine unüberschaubare Menge herpetologischer Online-Informationen (Tab. 1). Sie sind zwar noch wenig organisiert, aber das Angebot kann schon heute von Herpetologen und Terrarianern sinnvoll genutzt werden.

 

Tab. 1 Einige Beispiele für die Stichwortsuche im Internet-Katalog Altavista der Firma Digital. Für diesen Katalog werden systematisch WWW-Server (und die Gesamtheit der newsgroups, s.u.) auf der ganzen Welt automatisiert durchsucht und alle gefunden Wörter katalogisiert. Beispielsweise taucht das Wort "reptile" über 40000 mal in ca. 20 000 verschiedenen Dateien auf, die allerdings in vielen Fällen nicht viel mit Reptilien zu tun haben. Die Suche ist kostenlos.

 

Stichwort                     Häufigkeit des Stichworts     Dokumente (ca.)          
Reptile                       40865                         20 000                        
Snake                         116868                        50 000                        
Lizard                        43 819                        20 000                        
Turtle                        96 670                        50 000                        
Amphibian                     19 748                        10 000                        
Frog                          51 482                        30 000                        
Anura                         714                           300                           
Salamander                    11 487                        5000                          
Urodele                       641                           300                           
                                                                                          
Einzelne Gattungen:                                                                       
Uromastyx                     274                           97                            
Lampropeltis                  573                           170                           
Platysternon                  17                            6                             
Leptodactylus                 49                            40                            
Ambystoma                     581                           200                           

 

Wieso sollte sich ein Herpetologe oder Terrarianer mit dem Internet befassen?

Die Vorteile der elektronischen Kommunikation gegenüber der klassischen Informationsverbreitung mittels Briefpost liegen auf der Hand: die Kosten für Druck und Papier entfallen, der Versand kann per Knopfdruck erfolgen und kostet nur Pfennigbeträge, sobald ein Internetanschluss vorhanden ist. Besonders für Leute, die viele Briefe ins Ausland schicken, lohnt sich ein Anschluss schnell. Die abgerufenen oder verschickten Informationen lassen sich zudem abspeichern und weiterverarbeiten, was mit einem Fax z.B. nur bedingt möglich ist. Ein großer Vorteil ist schließlich die Möglichkeit, die riesigen Informationsmengen im Internet nutzen zu können und mit Gleichgesinnten darüber zu kommunizieren.

Einen der Nachteile stellt die weitgehende Beschränkung auf die englische Sprache dar. Die nachfolgend genannten Beispiele stammen vorwiegend aus dem Amerikanischen und setzen zumindest solide englische Grundkenntnisse voraus. Hinzu kommt der geringe Organisationsgrad der im Internet angebotenen Informationen. Verschiedene zentrale Register und Kataloge erfassen nur einen Teil aller Datenquellen. Durch die nicht geringen Preise der Online-Dienste und die hohen Telefongebühren muss man Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen. Schließlich hat zur Zeit nur ein kleiner Teil der Menschheit überhaupt Zugang zum Internet, was die Komunikationsmöglichkeiten natürlich wieder einschränkt.

Internetzugang und Kosten

Einen Internetzugang erhält man am einfachsten als Mitglied einer Universität, Firma, oder Organisation mit Internetanschluss. Privatpersonen ohne diese Möglichkeit können Kunden eines kommerziellen Internet-"Providers" werden, bei dem man sich dann per Telefon und Modem einwählt und von dort aus Zugang zum Internet erhält. Die Monatsbeiträge für solche Dienste liegen bei 10-20 DM Grundgebühr, hinzu kommen Telefongebühren (Ortstarif bei T-Online und lokalen Providern). Bei einigen Sevice-Providern sind bis zu 5 Stunden Online-Zeit pro Monat in der Grundgebühr enthalten, alles was darüber hinaus geht, schlägt mit 3 bis 15 DM pro "Netzstunde" zu Buche. Größere Provider wie Compuserve, America Online oder T-Online stellen die Internetsoftware kostenlos zur Verfügung.

 

Internetdienste

e-mail

Die klassische Anwendung des Internets ist die elektronische Post. Der Benutzer wählt sich dazu beim Computer des Providers ein und verschickt von dort digitale Dokumente (Texte, Bilder, Töne, etc.) an andere Rechner mit der allgemeinen Adresse Benutzer@Rechner.Ort. Ankommende e-mails werden auf dem Computer des Providers gespeichert, wo sie vom Benutzer abgerufen werden können. Viele Internetdienste bieten die Möglichkeit, informative e-mail Adressen (z.B. uetz@embl-heidelberg.de) oder anonyme Adressen zu verwenden (z.B. 100440.1706@compuserve.com = Adresse der DGHT). Weitere e-mail-Adressen von Terrarianern und Herpetologen findet man in der HERP-L Abonnenten-Liste oder dem Herpetologists Web Directory (s.u.).

newsgroups

sind gleichsam elektronische "Schwarze Bretter", an denen man Mitteilungen, Fragen (und Antworten), Gesuche und Angebote anbringen kann. Mitteilungen werden an diese Bretter angebracht, indem man eine entsprechende e-mail an die Adresse der newsgroup schickt. Diese Adresse kann auch von einem speziellen Computer des Internet-Providers bereitgestellt werden, dem News-Server. Nachdem man die Mitteilung an den News-Server geschickt hat, verteilt dieser die Nachricht an alle angeschlossenen Internet-Rechner weiter. Innerhalb von ein paar Stunden wird so die Nachricht auf alle News-Server weltweit verteilt. Nachdem man so z.B. eine Frage "gepostet" hat, können deren Leser auf dem gleichen Weg eine Antwort an die newsgroup schicken, die wiederum nach ein paar Stunden zusammen mit der Frage auf allen News-Servern erscheint (es sei denn, man schickt die Antwort direkt an den Fragenden). Es gibt derzeit drei herpetologische newsgroups: rec.pets.herp ist eine terraristische Gruppe, in der vor allem Aspekte der Tierhaltung diskutiert werden. sci.bio.herp ist eine Gruppe, die sich eher der wissenschaftlichen Herpetologie widmet. Nach einer Statistik hatte diese newsgroup bereits 1994 mehr als 14000 Leser, die ca. 160 Mitteilungen pro Monat veröffentlichten. Allerdings ist es fraglich, ob diese Leser wirklich regelmäßige Nutzer dieser Gruppe sind. bionet.organisms.urodeles widmet sich den Schwanzlurchen. Schließlich gibt es noch eine Reihe weiterer biologischer newsgroups, die sich sporadisch mit herpetologischen Themen beschäftigen, z.B. sci.bio.evolution oder sci.bio.systematics. Ähnliche Diskussionsgruppen gibt es auch bei den kommerziellen Online-Diensten wie AOL oder Compuserve (hier "Foren" genannt).

 

Abb. 1 Eine Auswahl von Themen in der newsgroup sci.bio.herp

Die zweite Spalte gibt dabei die Anzahl der Beiträge zu einem Thema an, die dritte Spalte den Autoren und die vierte Spalte das Thema. "Re:" bezeichnet die Antwort auf eine zuvor gestellte Frage oder Mitteilung.

 

mailing lists

Obwohl newsgroups und mailing lists ähnliche Funktionen haben, gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen ihnen: werden Nachrichten an eine mailing list geschickt, leitet der zuständige Computer (der Mail-Server) die Nachrichten automatisch an interessierte Empfänger (per e-mail) weiter. Teilnehmer der newsgroups hingegen müssen aktiv alle Beiträge vom News-Server abrufen, und zwar einzeln von jeder gewünschten newsgroup. Die herpetologische mailing list HERP-L ist eine Mischform: sobald jemand eine Nachricht zu HERP-L schickt, wird sie automatisch an die Gruppe sci.bio.herp weitergeleitet (aber nicht umgekehrt!). HERP-L hat z. Z. (März 1996) rund 660 Abonnenten, von denen sich aber nur ca. 1-2 % in Deutschland befinden.

 

Tab. 2: Einige herpetologische und terraristische mailing lists. Um nähere Angaben über die angegebenen mailing lists zu erhalten, senden Sie eine e-mail mit dem einzigen Wort HELP an die jeweilige Adresse (außer Frog-Net und Urodeles). Der Computer sendet Ihnen dann automatisch eine genaue Beschreibung. Allgemeine Informationen über biologische newsgroups und mailing lists erhält man mit der e-mail INFO FAQ an biosci-server@net.bio.net oder bei www.bio.net

mailing list

* bei diesen mailing lists gibt es keine automatische Antwort- oder HELP-Funktion. Bitte ganz normale Anfrage (auf Englisch) einschicken.

 

Das World Wide Web (WWW)

Das WWW entstand zwar erst vor ein paar Jahren, hat aber das Internet in kürzester Zeit völlig umgekrempelt. Es bot erstmals die Möglichkeit, ohne Vorkenntnisse eine Vielzahl von Informationen einfach per Mausklick abzurufen, ganz gleich auf welchem Rechner sie sich auch immer befinden. Darüberhinaus enthalten die modernen WWW-Programme , die sog. "Browser", Funktionen wie newsreader und e-mail, sodaß man man evtl. mit einem Programm die wichtigsten Internet-Dienste nutzen kann.

Der Witz des WWW besteht in der Möglichkeit sogenannter Hyperlinks. Das sind Querverweise von Wörtern oder Bildern zu anderen Internetdokumenten. In Abb. 2 deuten beispielsweise alle unterstrichenen Wörter solche Querverweise an. Klickt man sie an, ruft der Browser eine damit verbunde Internet-Seite auf. Diese "gelinkte" Seite kann auf irgendeinem Internet-Computer gespeichert sein, egal, ob er sich im gleichen Zimmer befindet, oder in Australien. In unserem Beispiel bewirkt ein Mausklick auf das Wort Revised IUCN Classification, daß zusätzliche Informationen über die IUCN Konvention von einem Computer in Florida abgerufen werden. Das gleiche funktioniert auch mit Bildern. In unserem Beispiel kann man das Verbreitungsgebiet von Paleosuchus trigonatus anklicken und erhält damit eine vergrößerte Abbildung des entsprechenden Gebietes.

Fazinierend ist auch die Möglichkeit, Töne als WWW-Dokumente zu speichern. Froschgequake braucht hier nicht mehr als unanschauliches Sonagramm dargestellt werden, sondern könnte hörbar per Knopfdruck abzurufen sein.

 

Abb. 2 Eine Seite aus der Krokodil-Datenbank "Crocodile Corner"

 

Tab. 3 Beispiele herpetologischer/terraristischer WWW-Adressen

 

 

Eigene Informationen anbieten

Ein weiterer faszinierender Aspekt des WWW ist, daß man nicht nur Informationen konsumieren, sondern sich auch als Verleger betätigen kann. Viele Internet-Provider bieten zumindest eine kostenlose Web-Seite zur freien Verfügung an, auf der man Informationen für Millionen potentieller Leser bereitstellen kann. Die Schattenseite davon ist natürlich die Tatsache, daß auch zahlreiche selbsternannte Spezialisten ihre Meinungen und Halbwahrheiten unter die Menschheit zu bringen versuchen. Nicht zuletzt dadurch kommt der vielzitierte "Informationsmüll" im Internet zustande - wenig organisierte und oft genug völlig nutzlose Information, die einen nur Zeit und Telefongebühren kosten. In der Tat wurden bis jetzt die meisten herpetologischen Internet-Angebote von Terrarianern aufgebaut, die zum Beispiel über ihre Firma einen Internet-Zugang haben. Deshalb gibt es auch weit mehr Informationen über Haltung und Zucht als über wissenschaftliche Aspekte der Herpetologie. Das liegt nicht zuletzt daran, daß es mit viel Aufwand verbunden ist, ein gut organisiertes und aktuelles Informationsangebot zur Verfügung zu stellen. Es empfiehlt sich deshalb für viele Nutzer die Möglichkeit, an bereits bestehenden WWW-Angeboten mitzuarbeiten und diese weiter zu verbessern, anstatt laufend neue ungenügend aufbereitete Infohäppchen im Netz zu verbreiten.

 

Danksagung

Für die Durchsicht des Manuskripts bedanke ich mich bei den Herren Dr. Alexander Haas, Nicola Lutzmann und Thomas Stegemann.

 

Literatur:

Übersichten über die verschiedenen Online-Dienste wurden z.B. in MacUp 12/95 (für Apple Macintosh Besitzer) und in PC Professional 1/96 (für MS-DOS/Windows-Benutzer) veröffentlicht. Auch die Stiftung Warentest hat in Test 2/96 verschiedene Online-Dienste miteinander verglichen. Das Neueste zum Thema "Herpetologie im Internet" finden Sie jeweils im Netz selbst.

 

Autor

Peter Uetz
Europäisches Labor für Molekularbiologie
Meyerhofstr. 1
69117 Heidelberg

jetzt (ab April 2001): Forschungszentrum Karlsruhe